Lady ( verm. März 1993 geboren) - 11.12.2008

 

Lady kam am 14.12.1993 zu uns.
Sie stammte aus der Mülltonne und ich hätte sie vermutlich gar nicht gefunden, wenn mein Rocky da nicht immer und immer wieder hingelaufen wäre. Die Hündin war halb verhungert, halb erfroren, klapperdürr und sie mußte gerade Junge gehabt haben. Wir haben tagelang alles versucht um herauzufinden, woher sie stammt. Wir meldeten sie auf der Polizei, bei sämtlichen Tierärzten und in den umliegenden Tierheimen als gefunden, niemand meldete sich. Wir fragten in unserer Siedlung herum, hängten Zettel auf. Ohne Ergebnis, niemand kannte den auffällig gezeichneten Hund mit den hübschen Kippstehohren. Das Tierheim war übervoll, wir wurden gebeten die Kleine wenigstens zu behalten, bis sie über den Berg wäre...man kannte uns ja.

Lady konnte nicht sitzen, nicht liegen und nicht stehen. Alles tat ihr weg, ihr Gesäuge hing stark geschwollen und vereitert bis fast auf den Boden.Sie hatte hohes Fieber, eine Blasenentzündung, einen offenen Bruch am Hinterbein, aus dem die Knochen herausstanden, der auch schon ein paar Tage alt war, sie war halbtot, als wir sie fanden. Viele Tage waren wir morgens, mittags und abends mit ihr bei Willi, unserem TA. Der gab ihr wenig Chancen, meinte, die Geburt ihrer Jungen läge ca. 3-4 Wochen zurück. Sie bekam Antibiotika, Milchabbaumittel, fiebersenkende Mittel, Aufbaupräparate und und und. Wir suchten die Jungen und fanden sie nicht. Lady suchte ihre Kleinen, so schwach sie war, sie wollte ständig raus, guckte unter jeden Busch und in jeden Winkel. Wie oft wir sie heimgetragen haben, in der ersten Zeit, weiß ich nicht mehr.

Sie mußte gleich bei der ersten Hitze aufgenommen haben. Denn unser TA schätzte sie auf ca. 9-10 Monate. Die Äuglein sahen auch noch sehr kindlich und unschuldig in die Welt. Doch in ihrem Blick war immer etwas zurückhaltendes, etwas was uns sagte, sie kennt nichts oder nicht viel. Das fing beim Fressen an und hörte bei alltäglichen Dingen und Geräuschen auf. Sie fras anfangs nur unterwegs was sie auf der Straße fand, nur trocknes und schimmeliges Brot oder Abfall. Sogar faules Obst sammelte sie auf. Hundefutter? Frolic? Fleisch? Nudeln? Nichts..sie fras nichts von dem, was wir ihr anboten. Aber sie nahm von uns trocknes Brot und mit Wasser vermengte Haferflocken an. Dafür räumte sie regelmäßig den Mülleimer aus und versuchte sogar Kaffeefilter und Teebeutel. Noch heute müssen wir aufpassen, hat sie die Gelegenheit an einen Mülleimer zu kommen, dann wird sie diese auch nutzen.

Als sie endlich wieder soweit hergestellt war, war es Ende April - Anfang Mai 1994. Bis dahin hatte uns das Mädchen runde 1900.- DM gekostet. Sie sollte, da wir Rocky hatten, kastriert werden. Unser Tierarzt hörte sie vor der Narkose noch einmal ab und schüttelte den Kopf: 

"DIE operiere ich nicht"

"???" fragend sah ich ihn an.

"Ich hatte es letztens schon gehört, dachte aber es käme von den vielen Medikamenten, die Kleine hat einen schweren Herzfehler. Mal schlägt es langsam, mal setzt es aus, mal jagt es. Das erklärt auch, was ihr mir erzählt habt. Daß sie los rennt und nach ein paar hundert Metern einfach zusammenbricht. Sieh dir die Augen, die Nase und die Lefzen an: Schweinchenrosa bis dunkelrot. Typische Anzeichen für eine schwere Herzkrankheit" und so nahm ich unsere Kleine wieder mit nach Hause, diesmal neu versorgt mit Herzmedikamenten. Bis Juli versuchten wir alles, um das kleine Hundeherz zu gleichmäßigen Schlägen zu bringen. Ohne Erfolg. Nichts schlug an, wir setzten die Präparate ab, es veränderte sich nichts. Nicht besser, nicht schlechter, es blieb wie es war. Seitdem bekommt sie keine Medikamente für ihr Herz mehr. Ihre damals geschätzte Lebenserwartung: 7 -8 Jahre, eher weniger.

Ende August 1994 ging ich meine gewohnte abendliche Runde mit meinen beiden Hunden. Es hielt ein altes Auto an, heraus sprang eine Frau. Mein Hundemädchen wurde klein und kleiner, verkroch sich hinter mir und wäre am liebsten in meinem Hosenbein verschwunden, Rocky grollte leise, bereit "sein" Mädchen zu verteidigen.
"Sie haben mir den Hund geklaut!" brüllte es mir ungepflegt entgegen...und "die hat Junge gehabt, sie können doch den Hund nicht einfach klauen!"
Ich schaute sicher zuerst verdutzt, ich bin nicht auf den Mund gefallen, echt nicht, aber da war ich wirklich sprachlos.
"Geben Sie sofort den Hund her"
Da hatte ich mich dann wieder...
"Nein! Ich habe die Kleine aus der Mülltonne gefischt, aufgepäppelt, an allen Stellen als Fundtier gemeldet, war sogar auf der Polizei mit ihr. Die kriegen SIE NICHT!" Bei dem Wort Polizei wurde die Person schon wesentlich ruhiger... "Das ist mein Hund, den will ich wiederhaben" leiser aber drohend. Lady ein Häufchen Elend hinter mir, nur noch viertel so groß wie nomal. Rocky mit gestellter Bürste, laut knurrend und geifernd in geduckter Stellung, bereit zum Zubeißen.
"Gut, sie können Sie haben, kein Problem. Dann gehen wir jetzt zu mir nach Hause, ich hole die Rechnungen vom Tierarzt und stelle ihnen die Kosten für Pflege und Futter und Tagegeld ab Dezember letzten Jahres zusammen. Sie gehen Heim und holen das Geld und schon haben Sie ihren Hund wieder und wir sind quitt".

Nachdem sie den ungefähren Betrag von mir hörte, wollte sie diesen kleinen Hund nicht mehr haben. Das hatte ich mir schon gedacht... Ich sah auf die Autonummer und dachte: >>Holla, dieses Auto kennst du doch, das siehst du hier doch laufend...<<

Am selben Aben hing ich stundenlang noch am Telefon und stellte vielen Leuten viele Fragen. Am nächsten Tag wußte ich, woher unsere Lady stammte. Und nun wusste ich auch, was sich da in etwa abgespielt haben musste und weshalb niemand aus der Siedlung den Hund kannte, obwohl er nur zwei Blocks entfernt von mir gelebt hatte.

Lady hieß Freya, war mit 6 Wochen zu dieser Person gekommen, kannte kein Draussen. Der Hund hatte die Wohnung nie verlassen. Der Freund diser Person hatte einen American-Stafford, der die Kleine bei der ersten Hitze erwischte. Sie hatte 6 Junge, 4 davon hatten die Trennung von der Mutter überlebt und waren tatsächlich im TH gelandet, als sie ca. 6 Monate alt und damit nicht mehr niedlich genug waren. Lady lebte mit 5 Katzenkindern, dem Am.-Staff, dem Freund, der Frau und dem kleinen Sohn der Frau zusammen in einer zwei Zimmer Wohnung.

Diese Person holte sich immer wieder Jungtiere, auch aus den Tierheimen und aus Zeitungen. Wir mussten davon ausgehen,
dass sich Lady überwiegend von Keksen, Brot und Resten ernährte, die der kleine Sohn (damals ca.3 Jahre alt) ihr gab. Im laufe der Zeit wurden dieser Person sowohl jede Menge Katzen, als auch reichlich junge Hunde über das Vetrenäramt abgenommen, alle Tiere waren in sehr schlechtem Zustand. Auch das Jugendamt schaltete sich später wegen des Jungen ein.

Der offene Bruch ist wohl durch eine zugeworfene oder zugefallene Tür entstanden, da muss das Beinchen dazwischen gekommen sein. Und Lady wurde wohl entweder in der Tonne entsorgt, weil sie "fast erwachsen" war, oder sie ist in einem unbeobachteten Moment nach draußen entwischt und ist bei dem Versuch in der Tonne Fressbares zu erwischen, hinein gefallen.
Das konnten wir leider nie richtig klären.

Wir konnten aber durch die Fundmeldung von Lady bei der Polizei, dem Tierarzt Attesten und mit der Hilfe von befreundeten Nachbarn und dem Veterinäramt erfolgreich verhindern, daß diese Person immer wieder neue Jungtiere aus den umliegenden Tierheimen erhielt. Die Frau zog ein knappes Jahr später weg. Ich hoffe nur, dass sie nicht in der neuen Umgebung ihr Treiben wieder aufgenommen hat.

****

Im September 2006 hatte Lady einen leichten Schlaganfall, von dem sie sich bestens wieder erholt hat. Wer es nicht weiß, sieht es auch kaum. Denn es blieb nur eine etwas schiefe Schnute zurück. Ihr, uns seit langem bekannter, Krebs mutiert leider weiter - es vergeht kaum ein Tag an dem wir nicht neue, noch sehr kleine, Knötchen entdecken - doch es beeinträchtigt unsere gescheckte Hundedame bisher nicht. Im Frühjahr 2007 erreichten die ersten Metastasen die Lunge. Diese Nachricht war zu erwarten gewesen, nun hieß es ständig den Hund beobachten - doch Lady ist und bleibt tapfer - sie ist zäh. Bisher hat sich ihr Zustand nicht weiter verschlechtert und sie ist nach wie vor ausgesprochen munter und recht gut drauf.

Mitte des Jahres 2007 kämpfte Lady plötzlich mit einem stark entzündeten, eitrigen und verformten, trüben Auge. Über viele Wochen versuchten wir ihr Hilfe zukommen zu lassen, konsultierten viele Tierärzte damit - es wurden Tropfen gegeben, Salben verabreicht,  Ultraschall gemacht, geröngt - doch es fand sich weder im noch hinter dem Auge etwas außergewöhnliches. Erst in der Tierklinik Kindler in Wiesbaden kam man langsam auf die Spur der Ursache: extremer Bluthochdruck, bedingt durch Ladys krankes Herz. Sie bekam dann sofort ein Präparat dagegen, dass sie nun ihr ganzes weiteres Leben nehmen muss. Und das große Blutbild brachte noch ein Ergebnis zutage: Mitte September 2007 wurde bei Lady schwere Diabestes festgestellt. Ausgerechnet der Hund, der beim Anblick von Spritzen einer Panik nahe ist, brauchte ab sofort tägliche Gaben von Insulin. Auch das haben wir inzwischen ganz gut im Griff und Lady ist nach wie vor unser Sonnenschein. Begleitet uns immer noch ausgesprochen fröhlich und munter. Ihr Auge hat sich prima erholt, die bereits angelöste Hornhaut hat sich tatsächlich wieder angelegt und man sieht heute nicht mehr, dass der alte Hund fast sein Auge verloren hätte. Aber an ihrem Auge sehe ich, ob ihr Diabeteswert wenigstens halbwegs stimmt, ist der Blutzucker zu hoch, ist das Auge gerötet.  

Seit Ende Oktober 2008 fraß sie nicht mehr gut, mäkelte sehr. Ihre Blutzuckerwerte waren extrem schwankend. Wir machten uns große Sorgen um sie, denn wenn Lady nicht mehr vernünftig frisst, dann ist es sehr ernst. Mitte November stellte sie erstmals komplett das Fressen ein - sie gab uns damit eins der schlimmsten Signale solange sie bei uns war. Das daraufhin neu erstellte Blutbild überraschte nicht mehr wirklich. Ihre Nieren standen kurz vor einem Kollaps. Sie bekam nun eine Lebendzell - Therapie mit Eigenblut und einigen homöopatischen Mitteln und zunächst schien es so, als würde diese Therapie auch greifen. Die Chancen das diese Therapie richtig greift standen 50/50. Zunächst fraß sie wieder, zwar noch immer nicht alles, aber immerhin doch wieder einiges mehr als in den vergangenen Wochen. Der Appetit und alle anderen positiven Signale liesen leider nach dem ersten Wirken der Behandlung wieder nach. Zwei weitere Therapietage später war klar, sie springt nicht drauf an - wir stellten die Therapie am Freitag den 05.12.08 ein. Nun war klar - nichts und niemand konnte ihr mehr helfen - ihr Körper würde sich innerhalb der nächsten Tage selbst vergiften. Nun hieß es aufmerksam sein, die alte Hundedame Tag und Nacht beobachten, damit es ja nicht in Quälerei übergehen würde. Denn, versprochen ist versprochen: Quälen müssen sollte sie sich nicht. Am Montag dem 08.12.08 schien es an der Zeit zu sein, sie gehen zu lassen. Doch am Abend stand sie auf und zeigte deutlich: "He! Ich bin noch nicht soweit - ich will noch bleiben dürfen!" und sie durfte bleiben. Der Dienstag ging dahin, nicht übermäßig schlecht, nicht übermäßig gut - sie war aber durchaus in einem stabilen Zustand. Mittwoch war ganz klar ihr bester Tag: Sie fraß, sie trank, sie ging mit mir Gassi, langsam zwar, aber mit gestellten Ohren, erhobenem Wedel, sie freute sich über jeden der kam, über jedes Wort das an sie gerichtet war. Sie hatte Spaß und Freude an diesem Tag. War gut drauf, war stabil - schwankte nicht, zeigte keine großartigen Ausfallerscheinungen.. und ich dachte so bei mir: > Schafft sie es doch noch einmal - oder ist das gerade das berühmte letzte Aufblühen? <

Es war das letzte Aufblühen... denn gegen 23 Uhr rasselte sie schlagartig zusammen, war unruhig, schwankte wie ein Gashalm im Wind. Diese Nacht habe ich im Stundentakt nach ihr gesehen, war sofort wach, sobald sie auch nur eine Pfote bewegte. Am nächsten Morgen gings es nur ein klein wenig besser. Über Tag stellte sie das Trinken ein und nahm nun gar nichts mehr zu sich..   

... gegen 16 Uhr bestand sie mit einer gewissen, sehr bezeichnenden Sturheit auf einen letzten Spaziergang. Langsam und gemächlich gingen wir die Straße in Richtung Rhein, jeder der Schritte wurde von ihr mit Überlegung gesetzt, sie wurde bei jedem Schritt länger und unsicherer. Wir kamen bis zur großen Kreuzung, als sie dann einsah, bis ans Wasser würde sie es nicht schaffen. Gemächlich gingen wir zurück, trafen noch eine Nachbarin, die verwundert fragte : "Gehst du jetzt mit jedem Hund einzeln?" Ich verneinte..

Es war Ladys letzter Wunsch, noch einmal ein Stück weit zu laufen, noch einmal was anderes zu schnüffeln, zu sehen und zu hören. Diesen Wunsch konnte ich ihr nicht abschlagen. Zur Not hätte ich sie auch heim getragen, doch sie hielt sich tapfer und mit eisernem Willen auf den Pfoten, setzte Pfote vor Pfote, bis wir wieder zuhause waren.

 Lady schlief am 11.12.2008 gegen 17:50 Uhr ein. Ihre Nieren hatten den Dienst eingestellt und die fortschreitende Vergiftung war ihr deutlich anzumerken und zu sehen. Ich hielt sie im Arm, Micha & ich gaben ihr noch ein Stückchen Schokolade, das sie dann auch erstaunt und mit Genuß annahm und auf das sie solange hatte verzichten müssen. Lady schlief friedlich ein, auf meinem Schoß, an meinen Arm gekuschelt, Köpfchen in meiner Hand, Herrchen bei sich.. wie versprochen, sie war nicht alleine in diesen Minuten. Das Rudel konnte sich zuhause von ihr verabschieden, begreifen und sehen - sie lebt nicht mehr.

 

Lady ist doppelt so alt geworden, wie man ihr zugetraut hatte. Es war nicht ihr Herz, es war nicht der Krebs, es waren nicht all die kleinen Krankheiten .. es waren schlußendlich die Nieren, die versagten...

Wir sind sehr traurig, unsere "große" Hundedame hat uns verlassen - fast 15 Jahre ging sie mit mir & Björn ihren Weg, 9 Jahre davon auch mit Micha. Nun muss sie ihren Weg hinter dem Regenbogen alleine weitergehen und sie wird es gut machen. Die souveräne Rudelchefin ist gegangen und das Restrudel trauert. Sie werden sich neu finden und formieren müssen...

***** Ende *****

 

 

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